Zweite Rezension Konzert 23. Februar 2020, Klavierrezital Irena Gulzarova – Irina Georgieva

Wenn Zweisamkeit in ein grosses Ganzes verschmilzt

Riehener Zeitung ,  Freitag, 28. Februar 2020

In flammend roten Roben gekleidet, legten Irena Gulzarova und Irina Georgieva in der gut gefüllten Dorfkirche ein hohes pianistisches Niveau an den Tag.
Foto: Philippe Jaquet

Die Pianovirtuosinnen Irena Gulzarova und Irina Georgieva bestritten das zweite Schubertiade-Konzert der Saison.
Sophie Chaillot

Das Klavierduo Irina Georgieva und Irena Gulzarova war am vergangenen Sonntag anlässlich des zweiten Konzerts der diesjährigen Schubertiade zu Gast in der Riehener Dorfkirche. Mit den «3 Marches Militaires» von Franz Schubert eröffneten die beiden Künstlerinnen das Programm. In den musikalischen Pausen hörte man entferntes Trommeln und Pfeifen: Passend zu Schuberts Märschen zog eine musizierende Clique an der Dorfkirche vorbei. Georgieva und Gulzarova liessen sich aber nicht stören, mit starkem Anschlag und klangvollen Akkorden gaben die beiden die Märsche gekonnt wieder.
Irena Gulzarova, geboren in Usbekistan, und die Bulgarin Irina Georgieva könnten Schwestern, ja Zwillinge sein. Die mehrmals preisgekrönten Pianistinnen, die sich an der Musikakademie Basel in der Studienklasse von Rudolf Buchbinder kennengelernt hatten, spielten in Riehen Seite an Seite am Konzertflügel, beide in flammend roten Roben gekleidet. Ihre Körper standen im tonischen Dialog – ein Augenzwinkern, ein Lächeln, ihre Zweisamkeit verschmolz in ein grosses Ganzes. Die Pianistinnen wuchsen gemeinsam zu einer musikalischen Persönlichkeit, ohne den eigenen Charakter aufzugeben.
Die Fantasie in f-moll ist wohl eine der bekanntesten Kompositionen für vierhändiges Klavierspiel. Jeder Schubert-Kenner hat da wohl seine eigene Lieblingsversion im Ohr – der Berichterstatterin geht es genauso. Die Interpretation der beiden Musikerinnen ist zu wuchtig, zu wenig transparent. So ging in den rhythmischen Anfangspassagen der Doppelanschlag manchmal unter. Generell war das Allegro molto moderato des ersten Satzes etwas zu «molto moderato», sprich auf der eher langsamen Seite. Zum Glück fanden sich die beiden mit sicherer Klarheit im Vivace und brachten die Fantasie mit dem schlussbildenden Tempo primo zu einem schönen Abschluss.

Temperamentvoll und delikat

Der Schweizer Komponist Joseph Joachim Raff (1822–1882) ist nicht nur für seine Klavierliteratur, sondern auch für seine Sinfonien sowie das Cellokonzert bekannt. Von ihm erklang die Humoreske in Walzerform, op. 159. Zu diesem Werk passte der starke, charaktervolle Klang des Duos Georgieva/Gulzarova ausgezeichnet. Sie schienen sich mit dem Werk zu amüsieren, ihre Körper bewegten sich im Takt des Walzers. Mit voller Kraft schöpften sie vierhändig das ganze Klangpotenzial des Konzertflügels aus. Temperamentvoll und gleichzeitig delikat und perlend liessen sie das virtuose Werk erklingen. Gefühlvoll und melancholisch interpretierten sie danach Frédéric Chopins Variationen über ein italienisches Volkslied. Auch bei diesem Werk legten die beiden ein hohes pianistisches Niveau an den Tag.
Der Höhepunkt des sonntäglichen Programms war eindeutig «6 Lost Chopin Waltzes» von Dmitri Yanov-Yanowsky. Der 57-jährige usbekische Komponist schuf in seinem Werk aus sechs Walzeranfängen Chopins ebenso viele kleinere Werke im Geiste des polnischen Pianisten. Der Katalog, aus dem Yanov-Yanowsky die Anfänge entnahm, wurde nach Chopins Tod von dessen Schwester Ludwika zusammengestellt und erhält jeweils die ersten paar Takte verschiedener Kompositionen. Sämtliche Manuskripte dieser Werke wurden durch einen Brand vernichtet, der Katalog blieb jedoch glücklicherweise verschont.
Inspiriert von den Anfangstakten aus dem Katalog komponierte Dmitri Yanov-Yanowsky die «6 Lost Chopin Waltzes». Die Kompositionen enthalten einen grossen Reichtum an Klangvielfalt: glasige, klare, sphärische Klänge, kunstvoll verstrickt mit Chopins Handschrift, eine musikalische Zeitreise, die das 19. und 21. Jahrhundert verbindet. Die beiden Musikerinnen bewegten sich im Einklang, atmeten synchron und spielten mit einer Transparenz und Intensität, die absout berührend war. Das Duo schloss das beeindruckende Programm mit Franz Schuberts Duo in a-moll «Lebensstürme» und erntete stürmischen, wohlverdienten Applaus.

Beitrag teilen: