Erste Rezension Konzert 23. Februar 2020, Klavierrezital Irena Gulzarova – Irina Georgieva

Ein vortrefflich harmonierendes Duo

Die Oberbadische,  25.02.2020 – 16:39 Uhr

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Elegant und apart präsentierte sich das Klavierprogramm zu vier Händen der Pianistinnen Irena Gulzarova (l.) und Irina Georgieva bei der Schubertiade Riehen.
Foto: Jürgen Scharf Foto: Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Riehen. Bei der Schubertiade Riehen ist für unvoreingenommene Musikenthusiasten immer etwas dabei. Mal ist es eine Fundgrube im kammermusikalischen Bereich, mal hält es – wie am Sonntag in der Dorfkirche Riehen – Entdeckungen im vierhändigen Klavierrepertoire bereit.

Den größten Bekanntheitsgrad bei den Fans des vierhändigen Klavierspiels hat sicher die f-Moll-Fantasie D 940 aus dem letzten Lebensjahr Schuberts (1828). Jedes renommierte Klavierduo spielt sie. Diese groß angelegte Fantasie, eines der ausgedehnten, zukunftsweisenden Stücke Schuberts, bekamen die bulgarische Pianistin Irina Georgieva und ihre aus Usbekistan stammende Partnerin Irena Gulzarova technisch-manuell gut in den Griff.

Wechselbeziehung zwischen den Musikepochen

Die so heikle pianistische Kommunikation gelang optimal. Dem Zuhörer stockte geradezu bei den beiden sehr lang ausgehaltenen Fermaten vor dem Wiedereinsetzen des schwermütigen Themas der Atem. Wie aus einem Guss kamen auch die anderen Stücke dieses anspruchsvollen Konzertprogramms daher. Die beiden Pianistinnen, die sich in der Meisterklasse von Rudolf Buchbinder in Basel kennengelernt haben und ein vortrefflich harmonierendes Duo bilden, spielen musikalisch erstaunlich geschlossen.

An den Anfang hatten sie drei Militärmärsche gesetzt, von Schubert zur geselligen Unterhaltung geschrieben. Und als hätten es die Fasnächtler geahnt, marschierten just, als die beiden Künstlerinnen damit beginnen wollten, lautstark Trommler und Pfyffer an der Kirche vorbei. Das passte aber noch irgendwie zu diesen Märschen.

Den ersten Teil des Recitals beschloss mit Joseph Joachim Raff ein Vertreter der Neudeutschen Schule. In seiner ausgedehnten, musikalisch sehr variablen „Humoreske in Walzerform“, einer nicht nur gefälligen, aber eingängigen Salon-Piece, machten die Interpretinnen durch klare Artikulation und Anschlagskultur, Frische, Verve und Brillanz deutlich, warum Raff zu Lebzeiten einer der meistgespielten Komponisten war.

Nach der Pause gab es das, was diese Reihe im Prinzip einmalig und hörenswert macht: eine Wechselbeziehung zwischen den Musikepochen. Von Frédéric Chopin spielten Georgieva und Gulzarova, beide elegant und attraktiv ganz in Rot gekleidet, mit packendem Schwung und gelöstem Klavieroptimismus die nachgelassenen Variationen über ein italienisches Volkslied, die stark der Melodie des „Karneval von Venedig“ („Mein Hut, der hat drei Ecken“) ähnelten.

Ihre makellose Technik im Doppelpack führten die beiden blendenden und intelligent gestaltenden Virtuosinnen auch in den sechs „Lost Chopin Waltzes“ des usbekischen Komponisten Dmitri Yanov-Yanowsky vor. Dieser hat überlieferte Walzeranfänge des Meisters des Charakterwalzers mit zeitgenössischen Mitteln weitergedacht und fortgesponnen.

Die 2002 nachkomponierten „verlorenen“ Walzer, bei denen der „traurige Pole“ nicht mehr die Feder geführt hat, sind klangschöne, mit aufregenden modernen harmonischen Details versehene Miniaturen im typischen Chopin-Tonfall. Bei diesen „Was-wäre-wenn“-Erkundungen des Chopinschen Kosmos waren Irina Georgieva und Irena Gulzerova auf rhythmisch pointiertes Spiel und „Lichtwechsel“ bedacht. Man konnte kaum glauben, dass diese funkelnden Preziosen ein solches Geheimnis in sich bergen.

Schubert war die Klammer des Recitals. Wie bei den drei Märschen zu Beginn stellten die Pianistinnen, die sich am Klavier in den Primo- und Secondo-Parts abwechselten, an den Schluss ihres Duo-Programms mit Schuberts kühnen „Lebensstürmen“ eines der Werke, die nicht in der ersten Reihe seines Schaffens stehen – aber doch ihren eigenen Reiz haben.

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